Als Paar auf dem Jakobsweg

Februar 17, 2018 von
von Februar 17, 2018

Es gibt diese Annahme, den Jakobsweg müsse jeder alleine laufen. Doch was, wenn man beschließt, den Jaksobweg als Paar zu wandern? Von den besonderen Herausforderungen und Vorzügen des Pilgerns zu zweit.

Der Jakobsweg allein und zu zweit

Die Herausforderungen beim Wandern zu zweit sind im Grunde genommen die gleichen Herausforderungen, die Paaren auch im Alltag begegnen. Wie bringt man die Bedürfnisse zweier Menschen unter einen Hut?

Die gängigen Darstellungen des Jakobswegs kreisen meistens um die Reise eines Menschen, der sich aus diversen Gründen an einer existentiellen Weggabelung befindet. In den Büchern von Hape Kerkeling bis hin zu Shirley Maclaine wird der Camino zum Schauplatz, an dem die Hauptfigur ganz bewusst auf sich allein gestellt Abstand zum Alltag und allen Beziehungen nimmt. Das scheint nötig, um das eigene Leben zu reflektieren und großen Fragen auf den Grund zu gehen.

Wer den Jakobsweg mit seinem/r Partner*in läuft, auf den wartet ein ganz besonderes Erlebnis, über das sehr viel weniger gesprochen und geschrieben wird. Natürlich macht jeder Pilger*in und jedes Paar ganz eigene Erfahungen. Doch aus den Berichten diverser Paare auf dem Jakobsweg ergeben sich folgende Beobachtungen, die eine Pilgerreise zu zweit ausmachen.

Der Camino zu zweit. Photo: José Antonio Gil Martínez

Sich und den anderen neu kennenlernen

Weit ab vom Alltag, im Rhythmus der eigenen Schritte und auf das Wesentliche reduziert lernen Pilger*innen sich selbst und ihre/n Partner*in noch mal ganz anders kennen. Neue Seiten offenbaren sich an einem Menschen, den man glaubt gut zu kennen. Das kann ungemein helfen, alte Muster und Vorstellungen voneinander zu überdenken. Und wer weiß, sich vielleicht noch mal ganz neu ineinander zu verlieben.

Umgang mit Unterschieden

Beim Wandern (und Leben) als Paar geht es fast immer darum, eine gesunde Balance zwischen den Bedürfnissen und Ansprüchen zweier Individuen zu finden. Dabei ist die Liste der potenziellen Unterschiede lang. Sie reicht von Kalorien und Komfort bis hin zu Kontaktfreudigkeit und der Einstellung zu Spiritualität.

Das wichtigste dabei ist, Unterschieden mit Respekt und einem grundsätzlichen Gefühl von Gleichwertigkeit zu begegnen. Immer wieder müssen Paare austarieren, wie viel Raum der Einzelne im Wir-Gefüge braucht. Ehrliche und liebevolle Kommunikation ist  das A und O.

Zweierlei Tempi

Selten haben zwei Menschen das gleiche Tempo beim Wandern. So schön wie es ist, gemeinsam zu wandern, so anstrengend ist es, nicht im eigenen Tempo zu laufen. Cathy und David berichten auf ihrem Blog, wie sie Angst hatten, dass ihre unterschiedlichen Fitness-Level und Erfahrungshorizonte ein Problem sein könnten. Doch die Einsicht, dass auf dem Camino eine Klima der Gleichwertigkeit herrscht, egal wie alt, schnell, oder fit die Pilger*innen sind, half ihnen mit diesem Unterschied entspannt umzugehen.

Was zählt ist, dass alle auf dem Weg sind.

Als Paar unter anderen

Die Dynamik im Umgang mit anderen ändert sich, wenn man bereits als Team unterwegs ist. Für viele Menschen sind die Begegnungen mit anderen Wander*innen eine der schönsten Erfahrungen auf dem Camino. Doch nicht nicht immer haben Partner*innen das gleiche Maß an Kontaktfreudigkeit. Versuchen Sie sich nicht zu sehr in eine Pärchen-Blase zurückzuziehen, aber sich auch genug Zeit füreinander zu nehmen.

 Einstellung zu Spiritualität

Nicht alle Paare teilen die gleichen Überzeugungen was Spiritualität und Relilgion angeht. Auch wenn der Jakobsweg als Pilgerreise eine deutlich spirituelle Komponente hat, laufen ihn die Menschen heute aus ganz unterschiedlichen Beweggründen.

Gerade weil dieser Aspekt des Jakobswegs so persönlich und emotional ist, ist es wichtig, sich als Paar gegenseitig viel Respekt entgegenzubringen, was unterschiedliche Erwartungen an den Camino als spirituellen Weg angeht. Das heißt dem anderen weder die eigenen Ansichten aufzudrängen, noch auszureden.

Gegenseitige Unterstützung

Wer als Paar den Jakobsweg läuft, genießt den großen Vorteil einen vertrauten Menschen an seiner Seite zu wissen und sich sowohl praktisch als auch emotional unterstützen zu können. Denn auf die eine oder andere Art bringt eine Fernwanderung einen an die eigenen Grenzen und darüber hinaus. Ob es darum geht, nach Wegmarkierungen Ausschau zu halten, Blasen zu versorgen oder Proviant zu tragen, die Erfahrung gemeinsam füreinander zu sorgen, stärkt das Vertrauen ineinander und zeigt, was Sie alles zusammen schaffen können.

Das Ziel und der Weg

Während es eine fantastische Sache ist, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, ist es wichtig nicht aus den Augen zu verlieren, dass der Weg immer wichtiger ist. Auf dem Camino geht es nicht nur darum, in Santiago anzukommen, sondern vor allem, was Sie auf dem Weg dahin erlebt haben. Gegenseitige Rücksichtnahme, Ruhezeiten und eventuelle Anpassung der Tagesetappen oder sonstiger Erwartungen und Wünsche stärken die Beziehung mehr, als um jeden Preis Ziele zu erreichen.

Cathy erzählt, wie sie fürchtete, eine Verletzung könnte ihren Partner und sie aufhalten. Doch auch mal Schwäche zeigen zu dürfen und Hilfe annehmen zu können, gehört zu einer stabilen und positiven Beziehung. Zum Glück bietet eine Wanderreise dazu hinreichend Anlass.

Lesetipp

In ihrem Buch Und was, wenn ich mitkomme? erzählt Eva Prawitt von der Pilgerwanderung, die sie und ihren Ehemann auf den Camino de Santiago geführt hat. Ursprünglich wollte sie allein gehen und so ist das ganze von Anfang an ein Kompromiss. Und um die geht es ja, wie bereits angedeutet, ständig in Beziehungen. In ihrem Reisetagebuch berichtet Eva Prawitt ehrlich von den Lektionen, Wundern und Komplikationen, die sie mit ihrem Mann erlebt.

Eine berührend geschriebene Metapher für das Leben in Beziehung zu anderen und ein Muss für alle, die planen, den Camino zu zweit zu laufen.

Das Wesentliche teilen

Ein Grund, warum Wandern und Pilgern sich immer größerer Beliebtheit erfreuen, ist sicherlich, dass es als Gegengift zu den Komplikationen des modernen Lebens wirkt. Termine, Verpflichtungen, Stress, Überreizung und der Druck wichtiger Entscheidungen belasten Singles und Paare. Zu realisieren, dass alles was wir brauchen manchmal erstaunlich simpel ist, kann eine ungemein befreiende Erfahrung sein. Zu erleben, wie viel Glück eine warme Mahlzeit, ein Sonnenaufgang und ein Schlaflager nach einem Tag wandern sein kann, rückt die Probleme des Alltags in ein ganz neues Licht.

Jemanden an seiner Seite zu wissen, mit dem man das teilen kann, ist genug Anlass für Hoffnung und Dankbarkeit.