Outdoor: (k)eine Frage des Geschlechts?

August 19, 2018 von
von August 19, 2018

Wandern und Klettern für Frauen rückt immer mehr in den Blickfeld der Outdoor Welt. Diverse Blogs, Reiseanbieter und Hersteller haben Frauen als Zielgruppe für sich entdeckt. Ein Beispiel ist die Outdoor Firma REI, die 2017 als Teil ihrer viel beachteten Force of Nature Kampagne eine aufschlussreiche Studie über das Verhältnis von Frauen zu Outdoor-Aktivitäten sponserte.

Auf der anderen Seite gibt es auch Angebote speziell für Männer. Während manche das begrüßen, stellen kritische Stimmen die Geschlechtertrennung im Outdoorbereich grundsätzlich in Frage. Auf seinem Wanderblog bring Autor Jens die Debatte auf den Punkt: ist Outdoor wirklich eine Frage des Geschlechts?

Keine Frage des Geschlechts

Bei Outdooraktivitäten Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu machen, erscheint manchen nicht nur sinnlos, sondern auch riskant. Sie argumentieren, dass Naturerlebnisse grundsätzlich neutrale Aktivitäten sind, die von Frauen, Männern (und allen anderen) gleichermaßen genossen werden können. Wer auf Frauenwanderreisen und Wandermagazine für Männer besteht, läuft Gefahr das Gemeinsame und Verbindende zu vernachlässigen. Eine verpasste Chance.

Wie Bergführerin Eva Sigl berichtet, finden manche Kursangebote nur für Frauen sogar „männerdiskriminierend“.

Oder doch?

Auch wenn diese Sichtweise überzeugend erscheint, greift sie meiner Ansicht nach zu kurz. Bei genauerem Hinsehen lässt sich die Annahme, dass Frauen und Männer die Outdoorwelt gleichberechtigt erleben, nicht bestätigen. Im Zuge der Force of Nature Studie befragte REI in den USA über zweitausend Frauen nach ihren Erfahrungen mit Outdoor. 6 von 10 Teilnehmerinnen sagten, dass ihr Interesse am Outdoorsport nicht so ernst genommen wird, wie das von Männern. Das äußere sich beispielsweise bei der Beratung in Outdoorläden.

Außerdem gaben 3/4 der Teilnehmerinnen an, dass Frauen unter mehr Druck stünden, sich gesellschaftlichen Normen und Erwartungen anzupassen. Dieser Druck würde von den Medien, Männern, anderen Frauen, der Familie und der Gesellschaft insgesamt ausgeübt. Er konfrontiere Frauen mit Botschaften wie „Mach kein Drama“, „Sei sexy“, „Nimm ab“ etc.

Woran liegt das?

Im Zusammenhang

Historisch gesehen ist es noch gar nicht so lange her, dass Frauen an der Wahlurne genau so wenig willkommen waren, wie am Klettersteig, oder im öffentlichen Leben überhaupt. Das Wiederaufkommen feministischer Theorie rückt ins Bewusstsein, dass wir dieses Erbe noch nicht überwunden haben. Ein einleuchtendes Beispiel ist die Gehaltslücke: im Jahre 2017 verdienten Frauen in Deutschland durchschnittlich 22% weniger als Männer.

Dieser gesamtgesellschaftliche Mangel an Gleichberechtigung spiegelt sich auch in der Outdoorwelt wider.

Geschlechterrollen

Dass Frauen von der Outdoor Industrie als „neue Zielgruppe“ wahrgenommen werden, zeigt nicht nur, dass Frauen bis vor kurzem von Anbietern ignoriert wurden, es unterstreicht auch, wie sich das Bild von Geschlechterrollen langsam ändert.

Claire Sheridan, eine der führenden Kletter*innen in Irland, berichtet wie sie in den 70er Jahren im Bergsportverein ihrer Universität mit den Worten „Girls don’t climb“ begrüßt wurde. Damals galt es für Frauen als unziemlich Sport zu treiben und eventuell muskulös auszusehen. Frauen wurden als das „schwache Geschlecht“ gesehen und das sollte bitte auch so bleiben.

Die stereotype Unterteilung in „starke Beschützer“ und „schöne, wehrlose Frauenzimmer“ hat konkrete Auswirkungen. Diese Definitionen werten Frauen ab und dienen als perfekte Rechtfertigung für ihre Ausgrenzung aus historischen Männerdomänen und gefährlichen Territorien wie Politik, Arbeitsmarkt und Wildnis.

Im klassischen Verständnis sind also nicht nur Verhaltensmuster und Aussehen, sondern auch Räume geschlechtsspezifisch.  Nationalparks demnach sind Orte, wo sich „echte Kerle“ beweisen können. Auch technische Fähigkeiten wie Karten lesen, Navigation mit GPS etc gelten als „männlich“. Kein Wunder also, dass Männer sie im allgemeinen mit mehr Selbstbewusstsein angehen.

Starre Geschlechterrollen sind jedoch auch für Männer schädlich, zum Beispiel wenn sie Angst davor haben müssen, kein „richtiger Mann“ zu sein, wenn sie bestimmte Gefühle ausdrücken. Oder, wenn sie sich gezwungen sehen ständig mit anderen Männern zu konkurrieren.

Wandertipps für Männer

Dass Wandertipps für Männer sehr viel mehr Verwunderung auslösen, als Outdoortipps für Frauen, zeigt, dass eine männliche Zielgruppe lange selbstverständlich in der Outdoorwelt war. Dadurch ist die Hemmschwelle für Frauen allgemeine höher, gerade wenn sie sich diesen Bereich neu erschließen.

Das liegt auch am Mangel an Vorbildern. Die Studie von REI zeigte, dass 6 von 10 Frauen kein weibliches Vorbild im Outdoorbereich kennen.

Schönheitsideal

Vorbilder werden vor allem durch Medien kreiert. Die verzerrte Darstellung von Frauen im (Outdoor-) Sport ist deshalb ein weiterer Aspekt in der Diskussion um Gleichberechtigung. Auch heute noch sehen sich Sportlerinnen mit dem Druck konfrontiert, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen, wenn sie die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen wollen. Die professionelle Surferin Silvana Lima konnte 13 Jahre lang keinen Sponsor finden, weil sie nicht der weiblichen Geschlechternorm entsprach.

Doch auch Schönheitsidealen zu genügen, ist ein zweischneidiges Schwert. Die Bergsteigerin Melissa Arnot bestieg den Mount Everest als erste Frau ohne zusätzlichen Sauerstoff. Im Interview mit National Geogrpahic redet sie darüber, wie sie dennoch immer wieder auf ihr Aussehen reduziert und ihr technisches Können nicht ernst genommen wird.

Risiko und Sicherheit

Ein weiterer Punkt muss bei der Debatte um Gleichberechtigung und Outdoor genannt werden. Und der ist hässlich.

Nicht alle Aktivitäten in der Natur haben das gleiche Risiko. Und nicht alle Outdoor-Fans suchen nach dem gleichen Grad an Abenteuer. Doch gerade wenn es darum geht alleine zu reisen oder in der Natur zu sein, müssen Frauen sich anhören, ob das denn nicht zu gefährlich sei. Und sich das auch selbst fragen. Eine Szene aus Cheryl Strayeds Bestseller Wild ist ein gutes Beispiel. Nachdem die junge Frau hunderte von Kilometern allein auf dem Pacific Crest Trail gewandert ist und dabei Bären, Klapperschlangen und einem Elch über den Weg lief, ist ihre gefährlichste Begegnung in der Wildnis die mit zwei gewaltbereiten Männern.

Biologie: Unterschied und Gleichwertigkeit

Natürlich gibt es auch körperliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern, auf die bei den manchmal extremen Belastungen des Outdoor-Sports eingegangen werden muss. Die Industrie hat angefangen Produkte entsprechend anzupassen, was z.B. die durchschnittliche Rückenlänge von Frauen angeht. Outdoorbloggerinnen haben Themen wie Menstruationshygiene und Schwangerschaft in den Blickpunkt gerückt.

Elternschaft ist ein weiterer Aspekt, der es besonders Frauen aber auch Männern schwer machen kann, ihre Liebe zur Natur zu leben. Die „Adventure Mama“ Initiative hat es sich zum Ziel gesetzt, Mutterschaft neu zu definieren und mit der Leidenschaft für Outdoor zu vereinen.

Biologischen Eigenheiten sind Teil dieser Debatte. Sie zeigen, dass körperliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht im Widerspruch zu Gleichberechtigung stehen.

Zwischenbilanz

In Anbetracht der vorangegangenen Überlegungen ist meine Zwischenbilanz, dass Outdoor durchaus eine Frage des Geschlechts ist. Doch ausgedehnte Aufenhalte in der Natur bieten gerade Frauen unschätzbare Erfahrungen von Empowerment. In der viel zitierten Studie von REI gaben 74% der Teilnehmerinnen an, dass sie sich in der Natur frei fühlten und hier ihrem Alltagsstress entkommen. Sie sagten außerdem, Outdoorsport stärke ihr Selbstbewusstsein und habe eine positive Wirkung auf verschiedene Gesundheitsaspekte.

Mögliche Schritte

Wie können Frauen und Männer also jenseits von sozialem Druck und vorgefertigten Rollenbildern am besten von Outdoor Aktivitäten profitieren? Zunächst ein Mal ist es wichtig, die beschriebenen Unterschiede anzuerkennen. Und sich zu erlauben, einen eigenen Umgang mit ihnen zu finden. Vielleicht heißt das, mehr oder weniger Zeit in der Natur mit dem eigenen Geschlecht zu verbringen. Jeder kann nur für sich selbst bestimmen, was Empowerment ist und ob es dafür geschlechtsspezifische Räume und Gruppenverbände braucht.

Das National Outdoor Training Centre in Schottland sagt zum Beispiel, in ihren nur an Frauen gerichteten Kursen träten Teilnehmerinnen sehr viel selbstbewusster auf. Aber das muss nicht für alle Frauen die Lösung sein.

In ihrer Masterarbeit zum Thema Feminismus und Outdoor Erziehung gibt Amber Smith weitere Empfehlungen für einen möglichst inklusiven Umgang in gemischten Gruppen. Sie schlägt vor, dass darauf geachtet wird, dass alle Aufgaben, die beispielsweise im Camp erledigt werden müssen, rotiert werden. Das gibt männlichen und weiblichen Teilnehmern die Chance, sowohl Beziehungsarbeit, haushälterische Pflichten wie kochen und aufräumen, gemeinsam mit Outdoorfähigkeiten zu erlernen und wert zuschätzen.

Sie weist auch darauf hin, Sprache bewusst zu verwenden. Sexistische Bemerkungen („Stell dich nicht an wie ein Mädchen!“) sind tabu. Außerdem sei es wichtig, wie sich Teilnehmende im Raum bewegen und zu verhindern, dass Frauen bei Anweisungen immer hinter einer Reihe Männer stehen und von dort aus nur zuhören.

Ein langer Weg

Gleichberechtigung in der (Outdoor-) Welt ist das Ziel, nicht der Ausgangspunkt dieser Debatte. Bis dahin ist es ein langer Weg. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass Outdoor irgendwann keine Frage des Geschlechts mehr ist.