Der Beara Way: die ersten 3 Etappen [Erfahrungsbericht]

August 13, 2018 von
von August 13, 2018

Der Beara Way in West-Cork hat mich schon lange fasziniert. Als der Wetterbericht für das lange Wochenende gut aussah, entschieden mein Partner und ich spontan die ersten drei Etappen zu laufen.

Dies sind unsere Erlebnisse.

1. Von Glengarriff nach Adrigole

Ankunft in Glengarriff und der blutige Eichenwald

Wir erreichen Glengarriff nach einer malerischen Anreise, die uns durch den Killarney National Park zu engen Bergpässen mit bezaubernder Aussicht auf die grünen Täler unter uns brachte. Glengarriff ist ein niedliches Dorf mit bunten Häusern, kleinen Geschäften und einem künstlerischen Hut-Atelier. Es scheint, das Dorf sei auf riesigen Steinen gebaut, die zwischen den Häusern aus der Erde ragen. Im „Zentrum“ klettern einige Kinder an den Steinwänden hoch während die Erwachsenen draußen vor dem Pub den Sommer und ein Pint genießen.

Wir finden den ersten Wegweiser für den Beara Way und folgen ihm durchs Dorf und kommen schließlich in den Wald. Sonnenlicht schimmert durch die Blätter der Eichen im „Oakwood of the Blood“ und nichts deutet auf die grausame Geschichte dieses heute so friedlichen Ortes hin. In der Silvesternacht im Jahre 1602 sah sich Clanführer Donal Cam O’Sullivan gezwungen nach Norden zu fliehen, nachdem die britische Armee seine Herde ergriffen und somit seine Lebensgrundlage zerstört hatte. Von den eintausend Flüchtlingen kamen nur 35 am Ziel in Leitrim an. Die Verwundeten und Kranken blieben im Oakwood Forest zurück und wurden dort alle Opfer eines Massakers.

Der Beara-Breifne Way zeichnet heute die 500 Kilometer lange Fluchtroute von O’Sullivan nach.

Krokodil in Coomarkane

Für einige Kilometer folgen wir dem murmelnden Coomarkane River, bis sich der Wald lichtet und vor uns im gleichnamigen Tal der Sugarloaf aufragt. An einer Brücke gabelt sich der Weg. Hier ist die Beschilderung nicht eindeutig und wir beschließen der Karte zu folgen und uns rechts zu halten. Wir werden mit einem seltenen Anblick belohnt.

Im Garten eines der wenigen Häuser sehen wir einen riesigen Gorilla, ein Krokodil und sogar einen Dinosaurier. Alles lebensgroße Figuren. Kurz darauf kommen wir am Coomarkane Visitor Centre vorbei. Wir treffen den Besitzer, der hier eine kleine Gallerie und einen Campingplatz mit Imbiss betreibt. Er erklärt uns, dass Arbeiten an der Brücke Schuld an den widersprüchlichen Wegmarkierungen waren, wir diese aber sicher passieren könnten. Außerdem erzählt er, wie die fliehenden Truppen von O’Sullivan sich unweit von hier in den Höhlen am See versteckt hielten, bis ihr Fluchtweg sie durch dieses Tal nach Norden führte. Seine Suche nach Spuren der Geschichte habe aber bisher keinen Erfolg gehabt. Der Farn war zu hoch um seinen Metall-Detektor zu schwingen.

Anstieg mit Dudelsack

Am Bach erfrischen wir uns und füllen unsere Wasserflaschen auf.  Die erste von vielen grünen Metall-Leitern bringt uns über einen Zaun und auf eine Weide. Hier grasen halbwilde Schafe und der Weg führt zum steilsten Anstieg des gesamten Beara Way. Trotz der Wolkendecke ist der Gipfel des Sugarloaf nicht bedeckt und auf unseren vielen Pausen genießen wir das Panorama um uns. Rechts von uns tauchen die Seen Derreenadarodia und Eekenohoolikeaghaun auf, links von uns schmiegt sich das Meer an die Küste. In Bantry Bay liegt ein einsames, müßiges Segelboot vor einer bewaldeten Insel und Schichten von Bergketten falten sich vor uns auf.

Am höchsten Punkt des Passes sehen wir die ersten anderen Wander*innen auf dem Weg. Sie scheinen genauso langsam unterwegs zu sein, wie wir. Als wir sie schließlich treffen, stellt sich heraus, dass die beiden aus Deutschland sind und den gesamten Beara Weg laufen. Mit Dudelsack, Zelt und Tin Whistle im Gepäck brechen sie nach einem netten Plausch vor uns auf.

Bei unserem Abstieg sehen wir das Spiegelbild des Dudelsackspielers in den Wassern von Toberavanaha. Der Klang der Pfeifen ergänzt die Berglandschaft ganz wunderbar.

Am Nachmittag lässt sich sogar die Sonne blicken und nach einer Lesepause auf einem Felsen beginnen wir den Abstieg. Vor uns entfaltet sich die Küste und die wenigen Straßen von Adrigole. Zu unserer Rechten erstrecken sich lange Bergrücken, die hier und da von Wasserfällen durchzogen werden.

Landstraßen, Brombeerhecken und Peg’s XL Shop

Durch ein kleines Waldstück kommen wir schließlich im Tal an. Der Weg verläuft hier an ruhigen Landstraßen und über Felder, wo der Pfad beinahe überwuchert ist. Nach den weiten Panoramablicken auf der Höhe, fühlt sich dieser Teil des Weges heimelig an. Wir halten an zahlreichen Brombeerhecken und naschen im Sonnenschein.

Als wir in Adrigole ankommen, bemerken wir erst gar nicht, dass wir schon mittendrin sind: in Peg’s XL Shop. Der Tante Emma Laden liegt gleich am Eingang des kleinen Orts, der wirklich nur aus wenigen Straßen, ohne klar erkennbares Zentrum besteht.  Bei Peg findet man die nötigsten Lebensmittel, Postkarten, auf denen tatsächlich der Laden selbst zu sehen ist und alkoholische Getränke. Vor der Tür stehen ein paar Plastikstühle, auf denen man sich ausruhen und seine Einkäufe verzehren kann. Hier treffen wir wieder auf die Deutschen und tauschen uns über die Wanderung aus. Gemeinsam laufen wir zur Wasserkante, wo ein paar Schwäne schwimmen und sich der Abendhimmel langsam rot färbt.

2. Von Adrigole nach Castletownbere

 Familienausflug nach Hungry Hill

Wir brechen am morgen auf und finden eine Wiese mit Aussicht auf Berge und einen Wasserfall und meditieren dort. Ab und zu hören wir die Schritte anderer Wanderer auf dem Weg vorbeiziehen.

Beim Anstieg mit Blick auf Hungry Hill treffen wir eine fünf-köpfige Familie. Auf Papas Schultern reitend und an Mamas Hand überholen uns sogar Kinder. Doch wir haben Rucksäcke dabei und versuchen jeden Schritt zu genießen und nehmen das nicht weiter persönlich. Aus der Ferne sah die Oberfläche von Hungry Hill so gekerbt und grau aus, wie Elefantenhaut. Jetzt liegt der kegelförmige Berg majestätisch vor uns. Am Plateau angekommen beschreibt der Beara Way eine großzügige Kurve und offenbart Ausblicke auf die Küste und Beara Island neben uns.

Das verwunschene Tal

Über langgezogene Felsplatten gelangen wir schließlich nach Park Lough. Doch obwohl hier Seerosen wachsen und Möwen fliegen lädt dieses Gewässer nicht zum Baden ein. Der Weg ändert nun die Richtung und folgt den Ausläufern der Berge in ein verwunschenes, farnbewachsenes Tal. Kein Haus und keine Menschenseele sind hier zu sehen. Große Felsformationen scheinen Wache über diesen stillen Ort zu halten. Nirgendwo in Irland habe ich bisher vergleichbare Felsstrukturen gesehen,  die ein dichtes Wellenmuster auf den Bergrücken zeichnen.

Im innersten dieses Tales trifft der Beara Way auf den Rosmackowen River und läuft von da an wieder auf die Küste zu. In einer Reihe von kleinen Wasserfällen fließt der bezaubernde Fluss den Hang hinab und bildet an dieser Stelle natürliche Becken. Das Wasser ist tief genug für ein paar Schwimmzüge und legt sich kühl um die Haut. Unsere strapazierten Füße danken uns die Erfrischung.

Noch viel weiter

Wieder und wieder denken wir, wir wären beinahe auf dem höchsten Punkt des nächsten Passes und dann taucht doch noch ein weiterer Anstieg auf. Wir brauchen dringend eine Pause und treffen am Hang auf die beiden Deutschen. Die sind auch sichtlich erschöpft und gesellen sich zu uns. Zum Glück hatten wir am Vortag eine Dose Kichererbsen gekauft und zusammen mit ein paar Tomaten, Salz und Avocado wird daraus ein annehmbarer veganer Salat.

Die anderen überlegen die Etappe aufzuteilen und auf dem Weg nach Castletownbere zu campen. Mit 24 Kilometer ist die Strecke heute sehr lang. Wir vergleichen die Karte mit unserem GPS Standort und stellen fest, dass wir dachten, wir wären schon bedeutend weiter, als wir sind. Doch Castletownbere liegt in Sichtweite unter uns, wir können den Hafen und die Straßen ausmachen. Und so beschließen wir, unsere letzte Energie zu mobilisieren und die weiteren neun Kilometer zu wandern. Immer wieder schlägt der Beara Way Haken und führt von unserem Zielort weg. Die Berge um uns sind in Wolken gehüllt und das Abendlicht deutet an, dass wir uns besser beeilen sollten.

Party in Castletown

Noch während Meilen von Moor und Wald zwischen uns und Castletown liegen, hören wir Live Musik zu uns hochschallen. Es ist Samstag-Abend und im Ort scheint mächtig was los zu sein. Endlich wird das Moor zur Weide und die Weide zum Stadtrand. Vorbei an der historischen Aghakista Brücke und Flory Kellys Mühle gelangen wir nach Castletownbere. Es ist beinahe zehn Uhr nachts. Hier treffen wir einen alten Freund, der gerade Urlaub in West-Cork macht.

Der Kontrast zwischen der stillen Bergwelt, gar nicht so weit von hier, und dem Zentrum von Castletown könnte nicht größer sein. Die E-Gitarren einer Coverband, ein glitzerndes Riesenrad und vor allem viele Menschen, kein einziger trägt Outdoorkleidung, prägen das Bild der jährlichen Kirmes. Das chinesische Restaurant ist der einzige Ort wo wir jetzt noch (veganes) Essen bekommen. Verzehren müssen wir es allerdings an einem Biertisch, wo lauter Techno dröhnt.

Der Versuch einer Unterhaltung über Buddhismus und Ethik scheitert an Übermüdung. Wir beschließen schlafen zu gehen und unseren Freund in Allihies, dem Ziel unserer nächsten Etappe zu treffen.

3. Von Castletownbere nach Allihies

Die Schönheit des Regens und Spuren der Vergangenheit

Schon beim Aufwachen hören wir die Regentropfen. Der Wetterbericht weiß nichts von diesem Niederschlag und wir beginnen die dritte Etappe auf dem Beara Way eingehüllt in die dunstige Stille des Nieselregens. Trotz seiner geringen Beliebtheit hat Regenwetter seine eigene Schönheit. Wasserperlen glänzen in den Spinnen-Netzen und lassen sie wie Traumfänger aussehen. Die Farben scheinen lebendiger und der Blick beschränkt sich auf das, was vor einem liegt.

Die Grundstücke werden größer, Häuser werden seltener und schließlich taucht neben uns der prähistorischer Steinkreis von Dereenataggart auf. Ein Schild erläutert, dass der Ursprung von Steinkreisen weiterhin ungeklärt ist und dass sie nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet sind. Sie dienten vermutlich rituellen Zwecken.

Eingeschränkte Sichtweite

Nach mehr als zwei Stunden ist der Regen etwas weniger schön. Ich wechsele meine nassen Socken und das Frühstück am Wegesrand gibt nötige Energie zurück. Zum Glück haben wir einen Gaskocher dabei und können uns warmen Porridge mit frischen Brombeeren schmecken lassen. Der Beara Way steigt nun wieder an und blickt auf Miskish Mountain, doch wir sehen wenig von der Landschaft. Die tief hängenden Wolken haben sie verschluckt.

Zum Glück ist der Weg hier sehr gut ausgeschildert. Der kleine Wandersmann auf gelbem Grund hat immer eine ermutigende Wirkung, wenn wir ihn auf der nächsten Markierung erspähen. Wir befinden uns jetzt auf einem moorigen Höhenzug. Bestimmt ist die Aussicht von hier normalerweise weitläufig und schön, doch wir begnügen uns mit dem Anblick des Weges und des Heidekrauts.

Selbst die Schafe sind nass. Das stört sie offensichtlich nicht beim Kauen. Wir begegnen einem einzigen Menschen: einem braungebrannten Ultraläufer mittleren Alters, der nur mit einem winzigen Rucksack und Shorts den Weg entlang rennt.

Schließlich tauchen vor uns Baumwipfel auf und der Weg gabelt sich. Wir folgen den Schildern nach Allihies.

Auf und Ab

Vorbei an etwas, das wie ein ausgekohlter Baumfriedhof wirkt, steigt der Beara Way nun wieder zu einer Ansammlung von einigen Häusern hinab und führt uns aus der Wolkendecke. Selten wirkten Farben auf mich so berauschend, wie nach unserer Wanderung durch diese Milchsuppe. Das intensive Pink der Fuchsienblüten, die wie Ohrringe von den Büschen hängen konkurriert mit dem Orange der Montbretien am Wegesrand.

Endlich finden wir einen Bach, an dem wir unsere Flaschen auffüllen können. Ironischerweise war uns trotz des vielen Nass beinahe das Wasser knapp geworden. Der Sawyer Mini Filter leistet weiterhin treue Dienste.

Uns steht ein weiter steiler Anstieg bevor. Doch bevor wir uns auf den Weg machen, treffen wir auf zwei Radfahrer. Das Ehepaar aus Holland erzählt uns begeistert von ihren Touren zwischen Cork und Killarney. Beide tragen runde Brillen.

Entlang des ersten Pony-Trekking Pfades in Irland erklimmen wir nun den Weg nach Knockgour und haben dabei zwischendurch sogar Blick auf’s Meer und zurück zu Castletown. Die Stadt hätte meiner Meinung nach ganz woanders liegen sollen. Aber da sieht man mal wieder wie desorientiert man im Nebel ist.

Endlich in Allihies

Nachdem wir unser restliches Curry von der letzten Nacht verputzt haben, beginnt endlich der Abstieg nach Allihies. Vom Südosten der Halbinsel haben wir nun den Nordwesten erreicht. Unter der Wolkendecke sehen wir die Coulagh Bucht und die typischen Regenbogenhäuser von Allihies vor uns liegen.

Der Beara Way führt uns zu einer Ruine, vor der Warnungen auf die umliegenden Schächte hinweisen. Allihies war einst der größte Standort für die Förderung von Kupfer und die Überreste verschiedener Minen zeugen bis heute von dieser Vergangenheit.

Im Museums-Cafe genießen wir Suppe und heißen Tee und, dass wir endlich die Rucksäcke abstellen und unsere Regenkleidung ausziehen können. Das Museum ist ein hübsches Gebäude mit großen Fenstern. Werken von lokalen Künstler*innen schmücken das Cafe. Leider ist es zu spät, um die historische Ausstellung zu besuchen. Wir spazieren stattdessen durch den Ort und bestaunen die Wandmalereien der Lighthouse Bar. Die hätten sich auch auf einem Plattencover von Led Zeppelin sehen lassen können. Außerdem gibt es erstaunlich viel Kunst in diesem Dorf. In einem zauberhaften Cottage, dessen Wohnzimmer zum Verkausfraum umfunktioniert wurde, kann man selbst genähte Meditationskissen und Schmuck aus Kieseln vom hiesigen Strand erstehen.

Wir treffen unseren Freund und gehen zur Bucht. Vom Ballydonegan Beach hat man sogar Aussicht auf Skellig Michael, die berühmten Felsen Inseln, die schon in Star Wars zu sehen waren. Trotz des nass-kalten Wetters gehen wir in den rollenden Wellen schwimmen. Wir haben einen langen Heimweg vor uns und dies ist bei weitem die beste Art aufzuwachen.

Dann fährt uns unser Freund zurück nach Glengarriff.

Unterwegs sagt mein Partner: „Seltsam zu denken, dass wir da auch hätten hinfahren können.“ Und ich sage „Da wo wir waren, kann man nur hinlaufen.“